In diesem Heft: Seit dem 28. Januar dieses Jahres befindet sich die Lancia von neuem, und zwar noch mehr als zuvor, im Mittelpunkt des Interesses aller: Ein Inte- resse, bestehend aus der Bewunderung über die vollbrachte Leistung, die dem Werk neuen Auf- schwung und seinen Produkten noch mehr Prestige verleiht. Davon zeugen die in den Zeitungen der ganzen Welt veröffentlichten Artikel, die langen Übertragungen von Fernseh und Funk in Italien und im Ausland und die dringenden Bestellungen der Konzessionäre, um. wenn auch mit Verspätung, der erhöhten Nachfrage seitens der alten und neuen Kundschaft gerecht werden zu können. Was bedeutet all das? Wir wollen nicht in Zahlen ausdrücken, was geschrieben und gesagt wurde, denn diese Seiten und Fernsehaufnahmen sind nicht käuflich, sondern man erhält sie nur durch das Können der Piloten, den Einsatz der Mechaniker, die Perfektion der Organisafion und die Zuverlässig- keit des Wagens: Ihr Fulvia. Von den Artikeln, die dieser Einleitung folgen, geben wir einige Auszüge ohne Koordinierung wieder: Es sind Meinungen, Erinnerungen, Eindrücke und Ab- schweifungen, die uns zum Morgen des 28. Januar 1972 zurückführen, auf den wir seit Jahren warteten. Giovanni Arpino ABSCHWEIFUNGEN ZUM RALLYE-THEMA Bilder, schemenhafte Nachtansichten und Fernseh- übertragungen zeigen anlässlich der Monte-Carlo- Rallye. auch die «Fürsten-Rallye» genant, einen dem Anscheine nach normal aussehenden Wagen, der sich im Schneetreiben zwischen den Schneehaufen des Col de Turini fortbewegt. Sofort erinnert sich der Betrachter an seine bei schlechtem Wetter durch- geführte Fahrt über den Colle di Tenda. Der Junge radelt wie von Sinnen beraubt und fühlt sich dabei wie ein Merckx oder Gimondi. Der Mann am Steuer fühlt sich nicht ausgeschlossen von der theoretischen Möglichkeit einer «Rallye»; er beurteilt sie nicht als fast undurchführbar, er sieht nicht die mit ihr verbundenen Schwierigkeiten und den harten Einsatz, den sie verlangt, sondern er legt den Mass-Stab seiner eigenen Person an und beurteilt sie nach den Leistungen seines Vehikels oder seines Spyders. Deshalb sind Einklang und Zauber perfekt, wenn auch trügerisch, und können auch in einer Welt von Hypothesen Gestalt annehmen. Es steckt ein wahrer Sinn in der Rallye, und zwar nicht die unbarmherzige Härte eines unmöglichen Unternehmens, sondern die Stärkung des Vertrauens zur Maschine. II Col de Turini ist wie der Höcker vor der eigenen Garage: Wenn man weiss, wie man ihn zu nehmen hat, benötigt man keinen «Boliden» dazu: er ist sogar fehl am Platze. Ist es nicht ein Sieg über die Entfremdung, über die Furcht? Gino Rancati IN MONTE-CARLO MIT VIEL HINGABE Und dann kam 1972. Noch einmal kam ich zu Dir; fast auf den Fusspitzen. demütig wie das erste Mal als ich Dich sah, Dich kennenlernte. Die anderen trugen ihre Kraft, ihre unverletzten Möglichkeiten und ihre Sicherheit zur Schau. Ich befand mich allein in einer Ecke mit meinen Freunden, die es nicht aufgaben, mich zu streicheln. Der Start. Das Unglück ist diesmal machtlos, das Vertrauen kehrt zurück, neue Hoffnungen. Dann der Schnee, frisch, weich .wie Watte, in den ich glücklich hineinbeisse. Ich begreife, dass es diesmal vielleicht klappt. Eine berauschende Atmosphäre. Um mich herum sehe ich lachende Gesichter, jemand jubelt. Der Turini ist eine Hölle. In der Nacht flattern italie- nische Fahnen. Ich sag mir «vorwärts Fulvia. vor- wärts. die Zeit ist gekommen». Die geschickten Hände meiner Piloten und die weisen Anregungen der Copiloten bringen mich mühelos gegen das Ende der Plage. Die italienischen Journalisten müs- sen inzwischen im Presseraum der momentanen Obermacht der Alpine widerstehen. Aber ich weiss, dass ihre Nerven stark sind. Vielleicht ahnen sie etwas. Die Nacht geht dem Ende zu. Wir liegen an der Spitze und die anderen drängen nach. Der unsrige ist ein Marsch der Wiederherstellung un- seres guten Rufes. Vorwärts I Die Ankunft in Condamine. Die erste Umarmung terrorisiert mich. Und ich habe Wettbewerbe ge- wonnen, die schwierigsten sogar, in der halben Welt. Aber dies ist die endgültige Umarmung, die ein Leben wert ist. Der Sekt bespritzt mich. Munari und Mannucci sind auf die Motorraumhaube ge- stiegen: sie hält es aus. Minuten und Minuten voller Jubel. Und jetzt nähert sich ein Freund; viellicht ist es der italienische Journalist, der mehr als alle anderen, seitdem ich zu Dir komme, den Leidensweg ver- folgt hat. Er ist es wirklich. Ich wartete auf ihn. Vorher hatte ich ihn nur flüchtig gesehen; ich war mir aber nicht sicher. Er hat ein Mikrophon in der Hand. Er kommt zu mir, zu Munari, zu uns. Ich will seine Stimme hören. Der Lärm verhindert es zum Teil. Dann höre ich eine leicht rauhe Stimme, die erregt klingt. Es ist eine Stimme, die mir etwas über das Glück eines lang ersehnten Zieles sagt. Du wirst mich über die Zukunft befragen. Ich kenne sie nicht. Ich weiss nur, dass ich in der «Monte- Carlo-Version» nun auch, wie eine Braut. Deinen Namen trage. Und ich bin glücklich darüber. Dein kleiner zäher, unsterblicher Fulvia Cesare Fiorio DIE SYNTHESE EINES SIEGES Seit fünf Jahren geht die Monte-Carlo-Rallye durch die ArdÄche. Die Ardäche, die. laut den Vorstellungen der Veranstalter, einen der entscheidenden Sektoren der gesamten Rallye hätte darstellen müssen, hatte hingegen bis zu diesem Jahr eine vollkommen un- bedeutende und interessenlose Strecke dargestellt. Die Monte-Carlo-Rallye wurde in der Ard&che aus- getragen. und in jenen Momenten zeigten die Pi- loten. die Wagen und die Organisatoren, die alle den Sieg anstrebten, was sie leisten konnten. Der Wettbewerb hatte Gestalt angenommen, Munari lag unverhofft an der Spitze. Ihm folgte die Meute der Gegner, die gewillt war. sich nicht den Erfolg im wichtigsten Rennen des Jahres rauben zu lassen. In jener Phase des Wettbewerbes gelang es Munari. die Gegenoffensive seiner direkten Verfolger durch wirkungsvolle Zeiten abzuwehren und zwang sie da- durch zu einem Rhythmus, der nicht nur Geschwin- digkeit, sondern auch Widerstandsfähigkeit, Sicher- heit und Ausdauer in der Leistung verlangte. Die Astrengungen der ersten gemeinsam gefahrenen Strecke waren viel stärker als die schlimmsten Ver- mutungen. und es geschah ausgerechnet in der letzten Nacht, dass diese Anstrengungen fast von allen so teuer bezahlt werden mussten. denn von den fast 60 am Ende der ersten gemeinsam gefah- renen Strecke klassifizierten Teilnehmern verblieben nur noch 18, denen es gelang, das Ziel in Monte- Carlo zu durchfahren. Gerade unter diesem Gesicht- spunkt erlangt das Unternehmen der Lancia-Renn- mannschaft eine noch grössere Bedeutung, denn ausser dem ersten Platz in der Gesamtwertung konn- ten die anderen beiden Wagen mit den Piloten Lampinen und Barbasio den 4. und 6. Platz belegen. Dadurch konnte sie den seit 1938 von der Zeit- schrift I'Equipe ausgesetzten Pokal der Hersteller endgültig erringen. Und endlich im Jahre 1972 konnte die Lancia den grossen Sieg davontragen, auf den alle seit langer Zeit warteten und den die Mannschaft wirklich verdient hat. AUS DEN SEITEN EINES HF-TAGEBUCHES Die Hoffnung war vorhanden, doch alle waren, vielleicht um das Glück nicht herauszufordern, etwas skeptisch. Cesare Fiorio seine Worte: «Wir haben das Training, die Unterstützung, das Budget usw. reduziert, doch die Mannschaft ist bereit, alles aufzubieten, wie sie es gewohnt ist, doch es fehlt der Schnee (der so ersehnte Schnee!)...» Dann der Tag unserer Prämierung. Ingenieur Gob- bato... es schien wie eine Vorahnung... «Der Fulvia» sagte er «wird unvergessen bleiben; nie hat ein anderer Wagen eine so lange und an- sehnliche Ernte an Erfolgen einbringen können!» ...28. Januar. Der Morgen graut, der Himmel ist noch dunkel. Wir gehen hinaus in die frische Mor- genluft mit Dede Barbasio. mit Flavia, Verlobte von Munari, mit Frau Mannucci und Anna, Sekretärin der Rennmannschaft. Wir sprechen nicht und laufen schnellen Schritts. Am Hafen hat sich eine unglaub- liche Menschenmenge versammelt. Alle schauen in eine Richtung: Von dort müssen sie kommen! In uns kämpfen zwei Gefühle gegeneinander: Die fast sichere Gewissheit, dass Sandro den Sieg erringen wird und die Angst vor den unvorhergesehenen Vorfällen der letzten Minute... Ich habe keine Zeit zum Nachdenken, denn auch ich werde überfallen: «Frau Fiorio, sagen sie uns. was bedeutet es für Ihren Ehegatten, eine Monte-Carlo-Rallye zu ge- winnen?» Ich finde keine Antwort, ich bin zu auf- geregt, und unter Tränen gelingt es mir noch zu flüstern: «...sehr viel!» Die Scheinwerfer sind von neuem auf mich gerichtet. «Wo befindet sich jetzt Ihr Gatte? Fährt er Munari voraus oder trifft er nach ihm ein?» «Mit ihm. glaube ich...» Da ist er. Die Scheinwerfer, die mich blendeten, sind jetzt auf Cesare gerichtet. Ich ziehe mich in den Schatten, in die Menschenmenge zurück, wäh- rend er von den Journalisten überfallen wird. Nach wenigen Minuten bewegt sich die Menschenflut zum Ziel. Sandro trifft ein. FULVIA COUPE 1.3 S IN DER « MONTE-CARLO »-VERSION Die glorreiche Behauptung des Fulvia HF 1600 mit Munari-Mannucci in der Monte-Carlo-Rallye er- möglichte es der Lancia (als einzige Marke der Welt), den seit 1938 von der Zeitschrift l'Equipe ausgesetzten Pokal der Hersteller endgültig zu er- ringen. Er ist für den Hersteller bestimmt, der dreimal die beste Plazierung einer Mannschaft von 3 Wagen erreicht. In Erinnerung an diesen Erfolg hat die Lancia eine besondere Version des Fulvia Coupé 1.3 S heraus- gebracht. die sich «Monte-Carlo» nennt. Der Wagen ist vor allen Dingen verwirklicht worden, um bessere Leistungen auf schweren Strecken, wie die der fiallyes. erreichen zu können. Besonders hervorzuheben sind: das Beschleunigungsvermögen, die Sicherheit (Sicherheitsgurte serienmässig). die gute Sicht (Nebelscheinwerfer serienmässig) usw. LIMOUSINE 2000 MIT ELEKTRONISCH GESTEUERTER BENZINEINSPRITZUNG Die ausgezeichneten Leistungen und die perfekte Betriebsweise des Motors mit elektronisch gesteuer- ter Benzineinspritzung, der im Coupé 2000 HF weitgehendst erprobt wurde, haben seine Verwen- dung auch in der Limousine gerechtfertigt, die da- durch eine grössere Elastizität, eine höhere Leistung und ein grösseres Beschleunigungsvermögen er- halten hat. Das Fünfganggetriebe ermöglicht eine bessere Ausnutzung der Motorleistung im Dreh- zahlbereich des maximalen Drehmomentes. Keine Änderung an der Karosserie: Der Wagen ist gekenn- zeichnet durch eine Plakette an der rechten Seite des Kühlergrills, die die Buchstaben «IE» trägt, und durch den rechts an der Heckpartie angebrachten Schriftzug «Iniezione». Die Limousine 2000 mit Vergasermotor verbleibt in der Reihe der Lancia- Modelle und ist auch mit Fünfganggetriebe ver- fügbar. DIE ENTWICKLUNG DES STRATOS-PROGRAMMES Seit einigen Wochen durchläuft der Stratos die erste Phase seiner Vollendung. Testfahrer und Piloten der Rennmannschaft wech- seln sich am Lenkrad des Prototyps auf der Test- strecke des Werkes Chivasso ab. Man kann ohne weiteres behaupten, dass dieser Wagen, von dem man während und nach der Turiner Automobilaus- stellung so viel gesprochen hat. von Tag zu Tag «wächst».